Terror und Gewalt sorgen in Leipzig für Angst und Schrecken

ANNE KUHLMEYER erschafft in ihrem Roman „Es gibt keine Toten“ ein Szenario aus Gewalt und Terror. Schnell liegt der Verdacht nahe, dass die Täter aus der rechten Szene kommen. Doch dann verschwinden die ersten Neonazis. Der Kampf verfeindeter Gruppen nimmt Ausmaße an, die die Beteiligten immer tiefer ins Verhängnis reißen. Der KBV-Verlag hat die Autorin, die als ärztliche Psychotherapeutin mit Spezialisierung auf Psychotraumatologie tätig ist, nach den Beweggründen für die Geschichte Ihres Kriminalromans gefragt.

Guten Tag Frau Kuhlmeyer. In Ihrem Buch führt das Schicksal Marlene Katz von Coesfeld über Gelsenkirchen nach Leipzig. Folgt die Kommissarin den Spuren zu Ihren eigenen Wurzeln zurück?

Kuhlmeyer: Die Kommissarin, die in Gelsenkirchen aufhört eine zu sein, streift in Leipzig ein wenig, also fiktionalisiert, meine Familiengeschichte, ja.

Wie Ihre Protagonisten Marlene Katz und Daniel Schönfelder sind auch Sie selbst jüdischer Abstammung. Findet sich hier der Anteil Ihrer eigenen Familiengeschichte?

Kuhlmeyer: Die Beschäftigung mit meinen jüdischen Wurzeln kam spät, ich war in den Dreißigern. Die familiäre Herkunft war bei uns tabuisiert. Zu riskant, darüber zu reden. Aber mein Bestehen auf Information und die Suche danach waren nötig und haben rückblickend zu guten Ergebnissen geführt. Zum Beispiel zu Kontakt mit in der Welt versprengten Verwandten, zu denen es über Dekaden keinen gegeben hatte. Und zu mehr Mut und Selbstvertrauen, nicht nur bei mir, sondern überhaupt in der Familie.
Im Roman wollte ich etwas davon zeigen, was es ausmachen kann, unverwurzelt zu sein, und welche inneren Konflikte entstehen können, die zu mehr oder weniger tauglichen Lösungen führen. Marlene und Daniel wählen dabei natürlich unterschiedliche Wege. So different ihre Lösungen sind, es bleiben Kompromisslösungen, die entweder zu eigenen Lasten oder zu Lasten anderer gehen. Will heißen: Tabus, Verstecken, Verschweigen und Abspalten von Ereignissen und Umständen in der eigenen Lebens- und Familiengeschichte sind echt Mist.

Sie nehmen sich des Themas „rechter Terror“ an. Neben dem Sprengstoffattentat am Leipziger Völkerschlachtdenkmal gibt es weitere Tote, die teilweise sehr brutal bis hin zur öffentlichen Hinrichtung ermordet werden. Dabei stammen die Täter nicht nur aus der rechten Szene, sondern die „Opfer“ schlagen zurück und nehmen die Sache selbst in die Hand. Wie ist die Idee als Handlung für das Buch entstanden?

Kuhlmeyer: In unserem reichen Land geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander, eine allgemein bekannte Tatsache. Verschärfen sich die ökonomischen Bedingungen, haben heilversprechende Ideologien leichtes Spiel. Staatlichen Ordnungsprinzipien und Instanzen wird misstraut, was zu Rückzug und Resignation oder zu Aufbegehren in Form von Gewalt führen kann. Alles nix Neues. Nun arbeite ich oft mit Menschen, die Mini-Jobs haben, zwei oder drei Jobs annehmen müssen, um die Kinder durchzubringen, welchen ohne Ausbildung, Arbeitslosen ..., halt mit Leuten, die nicht auf der Sonnenseite leben und allen Grund hätten, sich zu beschweren. Form nahm die Idee zum Roman an, als ich ein Feature im Radio hörte, das die Bedingungen von Einwanderern, die ihr Brot als Taglöhner auf dem „Arbeiterstrich“ von Großstädten verdienen, behandelte. Ich habe mich über die Ungerechtigkeit aufgeregt, über die Unfähigkeit staatlicher Stellen, bedürftige Menschen zu unterstützen, zu integrieren und teilhaben zu lassen. Über die Heuchelei unseres Sozialstaates. Und ich habe mich gefragt, welche Folgen das haben wird, welche moralischen Standards dabei zu Bruch gehen könnten und wie viel Gewaltpotential in dem zunehmenden Missverhältnis zwischen Versprechen und Tun steckt. Naja, aus diesen Überlegungen und auch diesem Zorn entstand die Geschichte.

ANNE KUHLMEYER
Es gibt keine Toten
Taschenbuch – 301 Seiten
ISBN  978-3-95441-160-3
9,50 €

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