Der Jogginghose auf der Spur

Am 21. Januar wird international zum jährlichen „Jogginghosentag“ aufgerufen, um der einstigen Modesünde durch das Tragen in der Öffentlichkeit zu gedenken. Doch welche Rolle spielt die bequeme Freizeitbekleidung mit ihrem schlechten Ruf in der Kriminalliteratur? Wir haben uns auf Entdeckungsreise begeben und mehr als eins dieser verdächtigen Beinkleider aufgespürt. Allen Klischees entsprechend, tummeln sich vor allem die Campingfreunde in Regine Kölpins (Hg.) „aufgebockt und abgemurkst“ in dem Modeklassiker der 1970er Jahre. Ob im Wohnwagen oder Zelt, raffinierte bis formschöne Ausfertigungen schweifen am Leib ihrer Träger durch Wald und Flur. Ramona bevorzugt in Cornelia Kuhnerts „Nur die Harten kommen in′ Garten“ auf dem Campingplatz am Parksee Lohne die bequeme „Zeltvariante“ in Türkis, wohingegen Gesine immer im gleichen roten Modell herumläuft. Christine Franke steckt in „Schillig statt Füssing“ ihren Hartmut ins dunkelbaue Beulenbeinkleid, während Hauptkommissar Udo Reuschenbach im Campingidyll „Die letzte Zigarette“ von Andreas Schmidt einen Zeugen in grauer Jogginghose antrifft. Ein paar Seiten weiter in Insa Segebades „Die Füße im Wasser“ befreit sich die mit Jogginghose bekleidete Lisa, Ehefrau von Ermittler Thomas Reincke, aus ihrem Schlafsack, als sie am frühen Morgen unliebsam aus ihren Träumen gerissen wird. Und dann ist da noch Ralf Kramps „Uschi, mein Sonnenscheinchen“. Der Wunsch, der Angebeteten im engen Zweimannzelt endlich näher zu kommen, zerplatzt wie eine Seigenblase, als Uschi ihre üppigen Hüften in die Trainingsklamotte zwängt. Krimi-Autor Ralf Kramp entpuppt sich übrigens bei der Recherche als echter Jogginghosen-Liebhaber. Da schlottert der fetten, alten Frau Brock die fleckige Jogginghose in „Hart an der Grenze“ ums Gesäß, während in „Ein kaltes Haus“ Gregor im Trainings-Outfit eine gute Figur macht und der verschlafen aussehende Uli in einer dunkelblauen Laufkluft steckt. Ferdi raubt in „Nacht zusammen“ einem schlafenden Penner die zerschlissene Beinkleidung, um mit der schmuddeligen Jogginghose aus neonfarbiger Ballonseide die eigenen nackten Beine zu bedecken. Mörf kriegt in „Stimmen im Wald“ gerade noch den Saum der Jogginghose seiner Frau Tanja zu fassen, bevor diese die Flucht ergreift. In „Rabenschwarz“ steht die weiße Jogginghose im Kontrast zur dunklen Hautfarbe von Rufus, dem Koch, und das Exemplar von Frau Feuser wird notdürftig von einer Sicherheitsnadel zusammengehalten. Selbst vor den Krimi-Kids macht Ralf Kramp nicht halt: Rocco, Plakatkleber und Kulissenschieber in „Dem Vulkanmagier auf der Spur“, fummelt sein klingelndes Handy aus der Tasche seiner Jogginghose.
Auch Ingbert Fenn-Heindel zaubert etwas aus der Tasche seiner Laufhose: sein Nitrospray. Der Düsseldorfer Homosexuelle ist im Kriminalroman „Rosa Mord“ von Nadja Quint der bestgekleidete Jogginganzugträger, der uns über den Weg gelaufen ist. Im Halsausschnitt seiner schwarzen Kombination trägt er ein dunkelrotes Seidentuch. Einige Kapitel zuvor bewegte sich übrigens Brigitte Ranzler bereits im braunen Trainingsanzug trotz ihrer ausladenden Hüften erstaunlich schnell eine enge Stiege hinunter. Dass die nordrheinwestfälische Landeshauptstadt durchaus jogginghosentauglich ist, zeigen auch die Krimi-Cops. In „Stückwerk“ verdunkelt ein Typ Marke Kleiderschrank in bunter Jogginghose und weißem Feinripp das trübe Flurlicht und Hauptkommissar Pit Struhlmann, genannt Struller, hechtet mit Praktikant Christian Jensen einer verdächtigen Person in heller Jogginghose und blauem T-Shirt hinterher. In „Umgelegt“ trifft das Ermittlerteam auf einen Prachtkerl mit Altbierfahne, dessen graue Jogginghose durch einen schicken Pinkelfleck modisch aufgepeppt ist. Bei Klaus Stickelbroeck wird in „Fischfutter“ aus den Tiefen einer Jogginghose ein Stück Papier hervorgekramt und im Kurzkrimi „Feuerfalter“ steckt eine Blondine mit ihrem schlanken Körper in einer eng anliegenden Sportklamotte.
Carsten aus Regine Kölpins „Vergangen ist nicht vorbei“ tauscht in Wilhelmshaven den Business-Look gegen eine bequemere Variante und lümmelt in Jogginghose und T-Shirt vor dem Fernseher. In ihrer Anthologie „Muscheln, Möwen, Morde“ macht Autor Thomas Nommensen in „Beweg dich nicht“ deutlich, dass der nasse Fleck auf der Jogginghose nicht durch einen Filmtrick entstanden ist. Natürlich macht die Entdeckungsreise auch vor „Niedertracht in Niedersachsen“ von Cornelia Kuhnert & Richard Birkefeld (Hg.) nicht Halt. Das Fundstück in Richard Birkefelds „Puschas Großonkel“, das aus der Tasche einer Jogginghose zu Tage kommt, kann sich durchaus sehen lassen: ein Fünfziger!
Rosalba zwängt ihre ausladenden Kurven in Andrea Gehlens „Das Brombeerzimmer“ in die verbeulte Jogginghose, womit in „OWL Kriminell“ die Stadt Bielefeld ihr Fett wegbekommt. Tatjana Kruse widmet sich in „Klappe zu, Gatte tot“ gleich mehrfach dem kultigen Kleidungsstück. Es dient dazu, schweißnasse Hände abzuwischen und Rüdiger schielt verzweifelt nach seinem Exemplar, um seine Blöße zu bedecken. Und siehe da, auch beim Sport kommt der Modeklassiker hier zum Einsatz, als drei Gestalten durch den Wald joggen: im pinkfarbenen Laufanzug von Bogner, in knackigen Hotpants von Nike und im Joggingdress von Aldi.
Da es eher als prollig angesehen wird, die Jogginghose in der Öffentlichkeit zu tragen, bleibt zu guter Letzt natürlich das traute Heim, dass bei Almuth Heuners „Küche, Diele, Mord“ keine Räumlichkeit auslässt. Wen wundert es da, dass Sonja in „Das blutrote Arbeitszimmer“ von Monique Feltgen nach der Dusche in ihre hippe Jogginghose samt Ed Hardy T-Shirt steigt. Unser Fazit nach dieser geballten Ladung Beinkleider: Die Jogginghose lebt und der Gedenktag wird dafür sorgen, dass rund ums literarische Verbrechen sowohl Opfer, Täter, Ermittler als auch völlig Unbeteiligte weiterhin in der Kulthose durch spannende Buchseiten wandeln werden.

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