„Holmes hatte in diesem Fall keine Wahl…“

Wolfgang Schüler über Dresden, Kritiker, alte Lexika - und DDR-Sherlocks in Literatur und Fernsehen

Herr Schüler, nach Berlin und Leipzig nun Dresden. Sherlock Holmes scheint sich im kaiserzeitlichen Deutschland kurz vor Beginn des I. Weltkriegs wohl zu fühlen. Woher rührt Holmes‘ Sympathie zum wilhelminischen Deutschland Ihrer Meinung nach?
Schüler: Holmes besitzt keine sonderlichen Sympathien für das kaiserliche Deutschland. Die ersten beiden Reisen (Sherlock Holmes in Leipzig und Sherlock Holmes in Berlin) hat er im Auftrag der Krone unternommen. Aus eigenem Antrieb wäre er keinesfalls gefahren. Das dritte Abenteuer (Sherlock Holmes in Dresden) schließt sich unmittelbar an das zweite an. Der Meister hat in diesem Fall keine Wahl. Er muss handeln, denn das Geschehnis beginnt damit, dass auf ihn ein Mordanschlag verübt wird. Weder Holmes noch Dr. Watson fühlen sich auf dem Kontinent sonderlich wohl. Viele Gewohnheiten sind ihnen fremd. Ständig gibt es kulturelle Missverständnisse. Aber im Laufe der Zeit finden sich die beiden Freunde im Kaiserreich immer besser zurecht. Da geht es ihnen nicht anders als dem Autor.

In Dresden, dem Vorkriegs-Elbflorenz  der leuchtenden Veduten Canalettos, machen sich Holmes und Watson auf die Jagd nach der Gang von Colonel Moran. Wie viel vom damaligen Glanz  kann der Leser ihres neuen „Sherlocks“ bei der Lektüre wiederfinden?
Schüler: Sowohl Leipzig als auch Dresden waren vor dem II. Weltkrieg zwei außergewöhnlich schöne Städte. Selbst Dr. Watson, der als Berichterstatter sehr zurückhaltend in seinem Urteil ist, gerät hin und wieder ins Schwärmen. Sherlock Holmes in Dresden ist zwar kein Stadtführer, aber einiges von dem damaligen Glanz findet sich doch in der Krimihandlung wieder. Zu Sherlock Holmes in Leipzig hatten einige Kritiker angemerkt, dass ihnen einige Beschreibungen zu ausführlich geraten seien. Deshalb habe ich mich in Dresden bemüht (wie schon zuvor in Berlin), nicht zu weit auszuufern.

Zum dritten Male haben Sie den Schauplatz eines „Sherlocks“ in die deutsche Kaiserzeit verlegt. Doch die Originalschauplätze wurden, wie Dresden so auch in Leipzig und noch mehr in Berlin, stark zerstört. Welche Archivalien nutzen Sie insbesondere, um die Städte und die Zeit möglichst originalgetreu wiederauferstehen zu lassen?
Schüler: In meinem Arbeitszimmer bin ich von einem Stapel Lexika (17-bändiger Brockhaus von 1902, 20-bändiger Meyer von 1909, zwei-bändiger Brockhaus von 1911, Kraftfahrzeug-Lexikon, Handfeuerwaffen-Lexikon) diversen Nachschlagewerken (historischer Atlas, zwei Sherlock-Holmes-Biografien, Sherlock-Holmes-Handbuch, Sherlock-Holmes-Album, Private-Eye-Regelwerk etc.) sowie alten Stadtplänen und Dutzenden Bildbänden mit überlieferten Foto-Aufnahmen umgeben. Wenn ich mich damit eine Weile beschäftigt habe, kann ich mich im Leipzig des Jahres 1910 oder im Berlin und Dresden des Jahres 1913 in Gedanken so bewegen, als ob ich heutzutage dort wohnen würde. Ich weiß, wie die Straßen verlaufen, wie die Häuser aussehen, was die Menschen für Kleidung tragen und welche Fahrzeuge verkehren. Bei vielen Dingen, die von den handelnden Personen benutzt werden, muss ich mich allerdings immer wieder vergewissern, ob es sie damals bereits (oder noch) gegeben hat. Auch die Denkweise war vor dem I. Weltkrieg eine ganz andere, als sie es heutzutage ist. Die Klassenunterschiede besaßen eine sehr große Bedeutung. Auch die Rollen der Geschlechter hatten den Anschein, festgeschrieben zu sein. Außerdem war die Zeit entschleunigt. Alles ging viel, viel langsamer vonstatten, als es heutzutage der Fall ist.

Zur Leipziger Buchmesse werden Sie in der Messestadt im Rahmenprogramm „Leipzig liest“ aus ihren Sherlocks lesen. Gab es eigentlich in den ostdeutschen Ländern eine Sherlock-Holmes-Lesetradition wie im damaligen Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg und wie hat sich das mit der deutschen Einheit weiter entwickelt?
Schüler: Die ersten Detektivgeschichten und Kriminalromane, die ich gelesen habe, stammten von Edgar Allan Poe, Edgar Wallace und Arthur Conan Doyle. Ich besaß eine Sherlock-Holmes-Serie aus dem Lutz-Verlag von 1908 und den „Hund von Baskerville“ aus dem Aufbau-Verlag von 1966. Im DDR-Fernsehen liefen regelmäßig Sherlock-Holmes-Filme mit Basil Rathborne sowie Ronald Howard in den Hauptrollen. „Der Mann, der Sherlock Holmes war“ mit Hans Albers und Heinz Rühmann wurde mindestens einmal im Jahr im Montagsfernsehen – das war eine feste Reihe mit Vorkriegsfilmen - gezeigt. In verschiedenen Verlagen erschienen einzelne Erzählungen, und von 1983 bis 1985 brachte der Kiepenheuer-Verlag eine mehrbändige Sherlock-Holmes-Sammlung heraus. Die Gesamtauflage hat schätzungsweise bei einer halben Million gelegen. Der berühmte Detektiv war also nicht nur bei mir, sondern in breiten Teilen der Bevölkerung sehr beliebt. Das ging sogar über Ländergrenzen hinweg: 1966 erschien im Moskauer Prawda-Verlag eine achtbändige Arthur-Conan-Doyle Werkausgabe.

In den ostdeutschen Ländern wurde sehr viel gelesen. Bücher waren Mangelware. Mein erstes Buch „Verbrecher im Netz“ hatte eine Startauflage von 50.000 Exemplaren, die innerhalb weniger Tage ausverkauft waren.

Mit der Wende änderte sich das alles schlagartig. Im Osten wurden fast auf einen Schlag zwei Millionen Menschen arbeitslos. Auch die meisten anderen Leute hatten ganz andere Sorgen, als sich um Literatur zu kümmern. Darüber hinaus stand nun allen der westdeutsche Buchmarkt offen. Es galt einen großen Nachholbedarf zu befriedigen. Das blieb so bis Mitte der neunziger Jahre. Dann hatten die meisten Leute wieder ihren Platz in der Gesellschaft gefunden und begannen, sich auf alte Lesetraditionen zurückzubesinnen. Dem Geist der Zeit folgend fingen verschiedene Verlage abermals damit an, Sherlock-Holmes-Sammlungen und Pastiches zu verlegen. Seitdem ist der berühmte Detektiv erneut zu einer festen Größe im Literaturgeschäft geworden.

Hatte man in der DDR eigentlich einen „eigenen“ Sherlock, der sich bewusst in Ermittlungsmethoden und Kriminalfällen vom westlichen Pendant abhob?
Schüler: Der Krimi in der DDR wollte häufig erzieherisch wirken und ging von der irrigen Annahme aus, dass der sozialistischen Gesellschaft Verbrechen wesensfremd seien. Darüber hinaus war in der DDR die Kriminalitätsrate (aus welchen Gründen auch immer) wesentlich geringer, als sie es heute ist. Es gab kaum Banküberfälle, so gut wie keine Bandenkriminalität, relativ wenig Raub, Mord- und Totschlag. Das allgemeine Sicherheitsgefühl führte dazu, dass viele Leute ihre Türen nicht abschlossen und hatte natürlich Auswirkungen auf die Literatur. Es gab keine Romane über perverse Serienmörder in der DDR, die ihre Opfer in schalldichten Folterkeller zu Tode quälten. Stattdessen versuchten die Autoren zu ergründen, was einen Menschen dazu bewogen haben könnte, vom rechten Weg abzurücken. Für geniale Kriminalisten, die dank ihrer außergewöhnlichen geistigen Fähigkeiten im Handumdrehen die kompliziertesten Fälle lösen konnten, war da wenig Raum. Stattdessen fuhr Hauptmann Fuchs im Wartburg zum Tatort, sprach mit sonorer Stimme zu seinem korrekt gekleideten Assistenten und zeigte vor allem viel Mitgefühl.

Ohne zu viel zu verraten: Am Ende von „Sherlock Holmes in Dresden“ ist die Spur zum 4. Fall aus Ihrer Feder aber schon gelegt?
Schüler: Meine drei bisher erschienen Sherlock-Holmes-Romane bauen zwar auf einander auf, sind in sich aber völlig abgeschlossen. Der Leser muss nicht die ersten beiden Bände gelesen haben, um den dritten Krimi zu verstehen. Einige Figuren tauchen mehrfach auf, und das wird sich im nächsten Buch fortsetzen. Auch in diesem Punkt folge ich der guten Tradition von Arthur Conan Doyle, meinem großen Lehrmeister.


WOLFGANG SCHÜLER
Sherlock Holmes in Dresden
Taschenbuch
280 S.
ISBN 978-3-942446-84-6
9,50 Euro

Wolfgang Schüler im Internet:
www.wolfgang-schueler.de


Premierenlesung

Samstag, 16.03.2013

WOLFGANG SCHÜLER
Krimilesung
SHERLOCK HOLMES IN LEIPZIG und
SHERLOCK HOLMES IN DRESDEN
Anwaltskanzlei Plaschil,
Beginn: 16.00 Uhr

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