„Jeder Stadtteil Bremens lebt in den Geschichten“

Christiane Franke über Bremer „Tatorte“, einen Stammtisch, Wahrheit und Authentisches in einem Krimi

Kurzkrimis, die dem realen „Tatort-Umfeld“ eine literarische „Liebeserklärung“ machen, das ist eine etwas ungewöhnliche Kombination. Was ist das „Besondere“ der Zuneigung Ihrer Kolleginnen und Kollegen in den MORDLANDSCHAFTEN zu Bremen und Bremerhaven?
Franke: Das Besondere ist die Liebe der Autoren zu den von ihnen gewählten Stadtteilen, die in jedem der Texte mitschwingt. Jeder Stadtteil ist im Prinzip ein Protagonist der Geschichte und man lernt als Leser auch jene Teile  Bremens und Bremerhavens kennen, die einem bislang fremd waren. Jeder Stadtteil  lebt in den Geschichten, jeder hinterlässt einen anderen Eindruck, ob es Huchting in Corinna Gerhards Text ist, Truxi Knierims Östliche Vorstadt, Kathrin Wischnaths Gröpelingen, ‚mein' Schnoor,  das Ostertor-Viertel bei Jürgen Alberts, oder der Fischereihafen Bremerhaven bei Heinrich-Stefan Nölke, um nur ein paar zu nennen.

Geboren wurde die Idee u.a. beim „Bremer Krimistammtisch“. 17 der 27 Autoren wohnen immerhin in der Hansestadt oder in Bremerhaven. Erzählen Sie!
Franke: Die Idee zum Bremer Krimistammtisch hatten Hans-Jürgen Rusch und Alexa Stein und so luden sie Autoren aus Bremen und Umzu, wie es bei uns so schön heißt, dazu ein. Wir treffen uns regelmäßig in der Krimibibliothek der Zentralbibliothek Bremen, die  in Deutschland einmalig ist. Seit 2000 wird dort die gesamte deutsche Kriminalliteratur nebst Sekundärliteratur gesammelt, allerdings darf man diese Bücher nicht ausleihen, es ist eine Präsenzbibliothek. Doch man hält sich gerne in dem großen, mit dunklem Holz verkleideten Raum auf. Für uns Krimiautoren hat dieses Umfeld natürlich ein besonderes Flair. Dementsprechend entstehen hier jede Menge mörderischer Ideen. Wir organisieren gemeinsame Lesungen, laden Dozenten z.B. aus Polizeikreisen ein. Und haben eben auch dieses Buch zusammengestellt, bei dem Jürgen Alberts und ich die Aufgaben der Herausgeber übernommen haben.

Dass alle Beiträge eines Bandes der MORDLANDSCHAFTEN ausschließlich in einer Stadt spielen, kommt nicht allzu häufig vor. (bei KBV auch in „Regensburger Requiem“, hrsg. von Barbara Krohn – siehe kommenden Newsletter am 15.3.2013) Warum diese Beschränkung?
Franke: Die Idee zu diesem Buch hatte Jürgen Alberts. Er meinte, es gäbe zwar jede Menge unterschiedlicher  und guter Anthologien, aber einer Stadt eine komplett eigene Geschichtensammlung zu widmen, sei etwas Neues. Davon war der Krimistammtisch gleich begeistert und auch dem KBV-Verlag hat unsere Idee prima gefallen. Und so gibt es nun ein für deutsche Städte ein fast noch nie dagewesenes Buch, das so facettenreich ist wie das Auge einer Fliege: es sind Texte dabei, die unter die Haut gehen und tief berühren, wie Helge Thielkings „Zwölf", aber auch schräg humorige wie Holger Wittschens „Flucht nach Paris". Rene Paul Niemann macht einen mit „Schiffe versenken" in Bremerhaven Mitte fast sprachlos und wenn Alexa Stein meint „Es muss nicht immer Mord sein" ist man als Leser direkt angesprochen.

Eine ganze Reihe der Autoren sind Journalisten, eine sogar eine langjährige Polizeireporterin. Das spricht für einen gewissen Realismus-Gehalt in den Geschichten. Oder ist die Vermutung falsch?
Franke: Tatsächlich liegen einigen der Geschichten wahre Begebenheiten zugrunde. Andererseits haben natürlich alle Geschichten den Realismus-Gehalt, ob man das Fest im Ostertor-Viertel nimmt, die Betrugs-Tricks bei älteren Menschen, den spielsüchtigen Versicherungsvertreter, den Vater, der verhindern will, dass seine Tochter in schlechte Gesellschaft gerät, auch sozialkritische Themen werden aufgegriffen. Die Autoren gucken hin, wenn etwas geschieht, und richten mit ihren Texten das Augenmerk der Leser auf Dinge, die ihnen wichtig sind, manchmal durchaus mit einem Schmunzeln.

Bremen ist nicht nur durch die Stadtmusikanten, natürlich auf dem Cover, bekannt. Auch der „Roland“ vor dem historischen Rathaus der alt-ehrwürdigen Hansestadt steht für eine Geschichte, die zur Legende wurde. Tauchen solche und andere Bremer- und Bremerhavener Geschichten, Erzählungen oder Sagen in den Krimis auf?
Franke: Nein. Zwar  spaziert die Ich-Erzählerin in Mirjam Phillips Text „Der Regenschirm" ins Parlamentsgebäude und wirft von dort aus dem ersten Stock einen Blick auf den Roland, aber sonst hat nur mein Text mit den Bremer Stadtmusikanten ein Wahrzeichen  auch inhaltlich aufgenommen. Es ging ja auch nicht darum, Bremer- oder Bremerhavener Geschichten und Bremer Sagen kriminell umzusetzen, obwohl Sie mich da natürlich auf eine tolle neue Idee für den Krimistammtisch bringen!

Schon Wochen vor dem Erscheinungstermin der Kurzkrimisammlung sind eine ganze Reihe von Autorenlesungen in und um Bremen und Bremerhaven gebucht. Eine erfreuliche Nachfrage. Haben Sie eine Erklärung dafür, wird eine „Lücke“ im Kurzkrimiangebot der Region geschlossen?
Franke: Wir Autoren sind auch völlig begeistert von der Bereitschaft und Lust der Bremer -  und Bremerhavener Veranstalter, so vielzählig Lesungen anzubieten. 23 Lesungen stehen schon vor dem Erscheinungstermin fest! Ich denke, das spricht für sich, beziehungsweise für das Interesse, das  „Etwas Besseres als den Tod" auf sich zieht. Die Erklärung dafür liegt sicherlich darin, dass es für jeden der Stadtteile neu ist, Schauplatz einer „eigenen" Geschichte zu sein, die in vielen Texten auch nur in eben diesem Stadtteil spielen kann. Nehmen Sie da z.B. Heidrun Immendorfs  Text, der in Strom spielt. Ich denke, das macht das Besondere aus, das Buchhandlungen und andere Orte reizt, im Mittelpunkt des Geschehens auch aktiv zu werden und die Geschichten bei Lesungen lebendig werden zu lassen. Dennoch muss man Bremen nicht kennen, um die Texte zu mögen, andersherum kann man es genauso angehen: Wer Bremen noch nicht kennt, wird nach dem Lesen dieser Geschichten garantiert neugierig, den einen oder anderen Stadtteil für sich zu entdecken! Und dabei wünschen wir Autorinnen und Autoren mörderischen Spaß!


CHRISTIANE FRANKE & JÜRGEN ALBERTS (Hg.)
Etwas Besseres als den Tod…
30 kriminelle Liebeserklärungen an Bremen und Bremerhaven
MORDLANDSCHAFTEN
Taschenbuch
320 S.
ISBN 978-3-942446-78-5
9,90 Euro

Christiane Franke im Internet: www.christianefranke.de
Jürgen Alberts im Internet: www.juergen-alberts.de


Die Bremen-Krimisammlung im TV


Dienstag 12.03.2013

Radio Bremen – Fernsehen – 18.45 Uhr: „Ansichten“

Info: www.radiobremen.de/fernsehen/ansichten/

PREMIERENLESUNG

Mittwoch 13.03.2013

Das Fest zur Buchvorstellung
WallSaal, Bremer Stadtbibliothek
19:00 Uhr

Sonntag 17.03.2013

Lesung der Ostertorgeschichte
zusammen mit Rose Gerdts-Schiffler
Matinee im Cinema Ostertor
11.00 Uhr

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