Interview mit Christina Bacher zu „SOKO Marburg-Biedenkopf“

Die Herausgeberin der Anthologie "SOKO Marburg-Biedenkopf", Christina Bacher, spricht in diesem Interview über menschliche Abgründe,
Professionalität im Schreiben und die (literarische) Rückkehr in ihre alte Heimat, den Landkreis Marburg-Biedenkopf.


Idylle versus Verbrechen

Anlässlich 30 Jahren CRIMINALE ist nun die Anthologie "SOKO Marburg-Biedenkopf" erschienen. Als Herausgeberin können Sie uns sicher schon etwas über die Autorinnen und Autoren verraten, die Sie für das Buch verpflichten konnten?
Christina Bacher: Tatsächlich haben nahezu alle Wunschautorinnen und-autoren zugesagt, die ich – in Absprache mit den Kolleginnen vom SYNDIKAT – angefragt habe, einen Kurzkrimi für das Buch zu schreiben. Unter den 26 Autorinnen und Autoren sind zahlreiche Preisträger und Nominierte des renommierten Friedrich-Glauser-Preises aus den letzten Jahren sowie Kollegen, die sich durch besonderes Engagement im SYNDIKAT hervorgetan haben, nicht zu vergessen einige Lokalmatadoren, die Marburg und den Landkreis wie ihre Westentasche kennen. Ich denke, dank dieser guten Mischung wird das Buch zu einem spannenden und unterhaltsamen Lesevergnügen.

Die literarischen Tatorte befinden sich ausnahmslos im Landkreis Marburg-Biedenkopf, einer Region, die eher für romantische Fachwerkidylle und weitläufige Landschaften, für seine Trachten und malerische Kopfsteinpflaster-Städtchen bekannt ist und weniger für niederträchtigen Mord und Totschlag.
Christina Bacher: Warum soll es in einer Idylle nicht auch menschliche Abgründe geben? Ich finde so ein Spannungsverhältnis gerade reizvoll als Setting für eine Geschichte. Auf der einen Seite die Touristen, die sich im Sommer durch die Marburger Oberstadt wälzen und auf der Suche nach dem besten Fotomotiv sind. Und auf der anderen Seite – selber Ort, selbe Zeit –­ das tote Mädchen, das in der Nähe des Flüchtlingsheims aus der Lahn gefischt wird. Oder das Treffen eines international gesuchten Verbrecherpärchens im malerischen Wallau, weil man dort ganz sicher nicht gesucht wird. Das ist eben das Schöne an dem Genre des Krimis: Die soziale Realität gerät nicht aus dem Fokus und man wird – wenn es sein muss – auch mal politisch und bezieht Stellung, ohne den Zeigefinger zu erheben.

Neustadt, Amöneburg, Bad Endbach, Rauschenberg, Rauischholzhausen, Biedenkopf – wie sind Sie auf die Orte gekommen, denen durch diese Anthologie nun ein literarisches Denkmal gesetzt wird?
Christina Bacher: Nach einem Aufruf in der Zeitung und Alexandra Klusmanns gut funktionierenden Netzwerk vor Ort – immerhin hat sie jahrelang das Marburger Krimifestival organisiert –, haben sich etliche Privatpersonen, Bürgermeister, Geschäftsleute und Multiplikatoren bei mir gemeldet, um eine Patenschaft für eine Geschichte zu übernehmen. Die "Paten" konnten sich einen Ort wünschen, der in dem Kurzkrimi eine Rolle spielen sollte. Wunderbare Unterstützung hatten wir auch von Landrätin Kirsten Fründt sowie ihrem Büroleiter Ralf Laumer, der ja seit Jahren in der Marburger Stadt- und Kulturpolitik mitmischt und selbst bekennender Krimifan ist. Mir ist da aus meiner alten Heimat so viel Begeisterung und Enthusiasmus entgegengeschlagen, dass ich mich regelrecht neu in diese Region verliebt habe.

Sie selbst haben lange in Marburg gelebt, vor zehn Jahren sind Sie dann nach Köln gezogen. Welchen Bezug haben Sie heute noch zu Ihrer alten Heimatstadt?
Christina Bacher: Marburg ist für mich immer ein Stück Zuhause geblieben, auch weil ich hier noch Freunde und Familie habe. Nach meinem Studium an der Philipps-Universität bin ich erst mal ins Ausland gegangen, dann später aber wieder für meine erste Arbeitsstelle zurückgekommen. Prägend war vor allem die Zeit, in der ich mich hier beruflich weiterentwickeln konnte, sowohl in meinem Job als Verlagspressefrau als auch als Autorin von Ratekrimis für den Hessischen Rundfunk. Man kann sogar sagen, dass ich meine Leidenschaft für Krimis in Marburg entdeckt habe. Umso schöner, diese in Form einer Krimianthologie wieder zurückgeben zu können.

Sie selbst haben ja auch eine Geschichte für die Anthologie geschrieben. Welcher Ort wird darin Schauplatz eines Verbrechens?
Christina Bacher: Mein Kurzkrimi Blindlings in den Tod spielt im Umfeld der Deutschen Blindenstudienanstalt, wo ich im Rahmen meiner Vorrecherchen nicht nur eine Führung über das Schulgelände in Marburg, sondern auch ein ausführliches Briefing durch die Mitarbeiter dort bekam. Die Idee um den blinden Schüler Alwin Sandmann, der hofft, dass Marburg für ihn zum Sprungbrett seiner internationalen Musikerkarriere werden wird, kam mir an einem Abend, als ich bei einer befreundeten Marburger Band im Proberaum in der Nähe des Bahnhofsgeländes saß. Draußen fuhren die Züge vorbei, drinnen wurde gejammt – und ich klappte meinen Laptop auf und legte los.

Ihre Aufgabe als Herausgeberin bestand nicht nur darin, die Paten vor Ort zu finden, sondern auch darin, die passenden Autorinnen und Autoren den jeweiligen Wunschorten und -geschichten zuzuordnen.
Christina Bacher: Ja, genau. Das lief aber alles reibungslos. Man darf auch nicht vergessen, dass die meisten von uns das Schreiben zum Beruf gemacht haben und sehr professionell an die Sache herangehen: Da gab es keine Diskussion, dass ein Thema weniger beliebt war als ein anderes. Letztlich muss ich aber nicht nur all den wunderbaren Kollegen danken, die sich der Aufgabe in recht kurzer Zeit gestellt haben, sondern vor allem auch den "Paten" vor Ort, die sich auf ein solches Experiment eingelassen haben. Namentlich Dr. Richard Laufner vom Kulturamt Marburg, der sich eine Geschichte um den großen Theatermann Erwin Piscator und die archäologische Zone "Zeiteninsel" gewünscht hat, Rolf Klinge vom Schwimmbad AQUAMAR, dem WELCOME Hotel genauso wie dem Marburger Hof, Dr. Heike Beber von der Marburger Agentur für Arbeit, Hartmut Reisse von der "Marburg Stadt und Land Tourismus GmbH" als gemeinsame Tourismusgesellschaft von Stadt und Landkreis, Karin Batz von der INOSOFT AG, dem Bürgermeister der Stadt Rauschenberg, Michael Emmerich, sowie Manfred Günther vom Elisabethverein, der Bürgermeister von Amöneburg Michael Richter-Plettenberg und Thomas Groll, seines Zeichens

Bürgermeister der Stadt Neustadt, Dr. Martina Kepper vom Förderverein der ehemaligen Synagoge in Wetter, Ute Streckfuß und Hendrik Bruder von der gleichnamigen Schreinerei in Niederweimar, der Beratungsstelle PRO FAMILIA in Marburg sowie dem Ehepaar Ute und Detlef Ruffert, das sich seit vielen Jahren für die Sanierung der Kapelle in Niedereisenhausen einsetzt, die im Buch zum Ort eines lange zurückliegenden Verbrechens wird. Neben der Dance World in Wallau passiert auch in der Marburger Tanzschule Henseling ein Verbrechen. Auf Wunsch von Markus Morr vom Fachdienst Kultur der Landrätin wird schließlich auch das Schloss in Biedenkopf nicht verschont. Neben der Marburger SPD-Geschäftsstelle haben sich auch die Sparkasse Marburg-Biedenkopf, die Marburger Sommerakademie und last but not least unser Medienpartner, die Oberhessische Presse, als Paten engagiert. Während sich der Buchladen Roter Stern und das Veranstaltungszentrum KFZ gemeinsam für eine Geschichte stark gemacht haben, hat sich Dr. Anne Archinal von der Initiative "Rettet den Burgwald" eine Moorleiche gewünscht, Kirsten Fründt dagegen das Schloss Rauischholzhausen als Tatort.
Ich befürchte, ich muss jetzt mal Luft holen. Ich bin noch ganz außer Atem – vor allem aber von der Begeisterung, die ich bei der Arbeit für das Buch angetroffen habe, wenn es um das Genre des Krimis ging. Das bestätigt natürlich auch das SYNDIKAT in der Entscheidung, sich für die CRIMINALE mit dem Landkreis Marburg-Biedenkopf für die richtige Region entschieden zu haben.

Apropos CRIMINALE: Gemeinsam mit einigen Autorenkolleginnen und -kollegen vom SYNDIKAT haben Sie sich auch veranstaltungstechnisch ins Zeug gelegt: Mehr als 15 Lesungen konnten von den krimibegeisterten Zuhörern in der CRIMINALE-Woche vom 17. bis zum 24. April 2016 besuchen.
Christina Bacher: Die Veranstaltungen rund um die literarischen Tatorte waren ganz besondere Abende – sowohl für die beteiligten Autoren als auch für die Kooperationspartner und Zuhörer, die in der CRIMINALE-Woche ja auch sonst eine ganze Menge geboten bekommen. Man muss natürlich ganz klar sagen, dass es weder das Buch, noch dieses umfassende Lesungsprogramm gegeben hätte, wenn nicht einige SYNDIKATs-Kolleginnen und -Kollegen – allen voran Elke Pistor, Angela Eßer, Peter Godazgar, Nadine Buranaseda und Daniel Carinsson – so viel Energie da rein gesteckt hätten, dass Europas größter Krimibranchentreff überhaupt im 30. Jahr stattfinden kann. Und da sind die Anthologie-Lesungen nur ein kleiner Teil neben dem Tagungsprogramm, den Podiumsdiskussionen, der Benefizlesung und der Verleihung der Friedrich-Glauser-Preise sowie des Hansjörg-Martin-Preises auf der feierlichen Preisverleihungsgala der CRIMINALE. Dass die Landrätin Kirsten Fründt letztlich auch als Veranstalter vor Ort fungiert, ist nicht hoch genug einzuschätzen. Ich nutze die Gelegenheit, um denjenigen ganz herzlich zu danken, die sich so unermüdlich für die Förderung deutschsprachiger Kriminalliteratur einsetzen.
Respekt!

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