Der ›Kommissar-Worschtfett-Stil‹

Der Filmemacher Charly Weller hat viele Jahre bei verschiedenen TV-Krimi-Serien Regie geführt. Unter anderem bei »Die Kommissarin«, »Ein Fall für zwei« und »Im Namen des Gesetzes«.
Mit seinem Debüt »Eulenkopf«, das ebenfalls im KBV-Verlag erschienen ist, hat er einen erfolgreichen Beginn als Autor gefeiert. Der Roman war für den Friedrich-Glauser-Preis 2015 nominiert.
Nun stellt er mit »Finsterloh« sein Können erneut beeindruckend unter Beweis.


Der ›Kommissar-Worschtfett-Stil‹

Guten Tag, Herr Weller.
Sie haben nun mit »Finsterloh« den zweiten Krimi geschrieben, der Gießen als Schauplatz hat. Was macht Gießen zur geeigneten Krimikulisse?
Weller: In erster Linie natürlich ganz profan die Tatsache, dass ich in Gießen aufgewachsen bin und hier in der Nähe lebe. Es handelt sich also um meine Stadt, um meine Heimat. Darüber hinaus wüsste ich nicht, was einen bestimmten Ort ausmachen könnte, um als Krimikulisse geeigneter zu sein, als ein anderer. Verbrechen können nun mal an jedem Ort der Welt geschehen, und überall gibt es Polizisten, die diese Verbrechen aufklären bzw. aufklären müssen. Das entscheidende Kriterium, ob ein Ort für die Handlung eines Krimis geeignet ist oder nicht, ist letztendlich der, ob man beim Schreiben ein Gefühl dafür hat, wie dieser Ort funktioniert, was die Menschen ausmacht, die dort leben, und welche Geheimnisse es gibt, von denen man meint, dass sie erzählt werden sollten; und last but not least: dass es genug Raum gibt, um seine Phantasie darin anzusiedeln.
 
Den Sonderwortschatz »Manisch« findet man ebenfalls in »Finsterloh« wieder. Ist dies nur ein Stilmittel oder möchten Sie den Lesern diese sprachliche Eigenart nahebringen?
Weller: Ich bin da überhaupt nicht missionarisch orientiert. Sonst würde ich »Manisch«-Kurse an Volkshochschulen geben. Für mich ist die Einbindung von »Manisch« in meine Geschichten eine Abbildung von Realität. Die Notwendigkeit dafür ergibt sich aus der Konstellation der Beteiligten und den Handlungsorten. Manisch ist keine Erfindung von mir. Für die Menschen in Gießen ist dieser Sonderwortschatz in erster Linie Alltag; darüber hinaus aber auch ein Alleinstellungsmerkmal, um sich von anderen Orten abzugrenzen. Denn ein Ort, der über einen eigenen Sonderwortschatz verfügt, ist nun mal wertvoller als ein Ort, der über so etwas nicht verfügt. Außerdem braucht es nur wenige Brocken dieser »Sprache«, um sich in der Fremde mit Gefühlen heimatlicher Verbrüderung begegnen zu können. Leser, die kein Manisch können, sollen aber nicht von meinen Geschichten ausgeschlossen werden. Dafür sorgt, wie auch bei „Eulenkopf“, am Ende des Buchs ein hilfreiches »Manisch-Glossar«.
 
Ein Teil der Geschichte spielt in Nordafrika, genauer in Algerien. Was ist der Grund für diesen geografischen Abstecher?
Weller: Bei dem Teil der Geschichte, der in Algerien spielt, handelt es sich weniger um einen »geografischen Abstecher« als vielmehr um eine »Exkursion in die Welt der Fremdenlegion und des Algerienkriegs«. Die historischen Hintergründe um das seinerzeitige Geschehen unterscheiden sich doch erheblich von dem, was uns – bzw. mir – in der Schule zu diesem Thema vermittelt wurde. Weil diese Hintergründe mich irgendwann über die Maßen empört und gleichzeitig fasziniert haben, fand ich es erzählenswert, die Risse in dem Bild von der »Grande Nation«, das uns so lange vorgezeichnet wurde, aus einem anderen Blickwinkel aufzuzeigen.
 
Ihr Debüt »Eulenkopf« hat sich unter anderem dadurch ausgezeichnet, dass die schnell geschnittene Geschichte wie ein Film abläuft. Ist dies bei »Finsterloh« auch wieder zu erwarten?
Weller: Wenn meine Geschichten die Leser wie ein schnell geschnittener Film erreichen, so erreicht mich das als tolles Lob und gibt mir das Gefühl, dass meine Arbeit sich gelohnt hat. Die Geschichte in »Finsterloh« wird auf die gleiche Art und Weise erzählt, wie bei »Eulenkopf« auch. Wenn man so will, bediene ich mich also weiterhin meines »Kommissar-Worschtfett-Stils«. Wenn es darum geht, was diesen Stil ausmacht, kann ich nicht viel mehr dazu sagen, als dass es schlicht und einfach die Art ist, wie ich meine Geschichten erzählen will und erzählen kann. Dabei gefällt mir die Betrachtung, dass ein Buch letztendlich nur ein Medium ist, das das, was der Schreiber in seinem Kopf hat, mit dem kommunizieren lässt, was der Leser in seinem Kopf hat. So einfach ist das und gleichzeitig so hochkompliziert. Vielleicht vergleichbar mit der Art, wie man einen Witz erzählt. Da kommt es weder auf intellektuellen Hintergrund an, noch schauspielerische Stimmgestaltung oder was auch immer. Da geht es im Endeffekt einfach nur darum, ob das, was erzählt wird, mit dem, was gehört wird, in einer gemeinsamen Rinne fließt.

Rührt dieser Stil aus der Zeit her, in der Sie als Krimi-Regisseur tätig waren?
Weller: Bestimmt gibt es die eine oder andere dramaturgische Orientierung, die ich eher unbewusst vom Filmemachen aufs Schreiben übertrage. Aber das sind weder große Geheimnisse, noch irgendwelche Zaubertricks. Eher handelt es sich um Allgemeinplätze, die man aus anderen Zusammenhängen kreativen Schaffens auch kennt, und letztendlich nur beherzigen muss. So zum Beispiel der Spruch von Hitchcock »Ich habe noch nie einen Film gesehen, der zu kurz war«. Woraus sich für mich die Orientierung ableitet, dass für eine gelungene Geschichte das Wegstreichen weitaus wichtiger ist als das Hinzuschreiben. Im Extremfall wird jedes Wort daraufhin überprüft, ob es nötig ist für die Geschichte, und wenn es das nicht ist, fliegt es raus; knallhart der filmischen Regel folgend: »Kill your Darlings«. So haben z. B. Beschreibungen von Landschaften bei mir einen ganz schweren Stand. Wenn ich einen Wald beschreibe, gehe ich davon aus, dass jeder Leser über ein eigenes inneres Bild von einem Wald verfügt und ich ihm da nicht »vorschreiben« muss, wie die einzelnen Bäume aussehen und wie sie riechen. Ich setzte da voll auf die eigene Phantasie des Lesers, die durch zu viele Beschreibungen nur eingeschränkt wird; aber das ist dann schon wieder eine andere Geschichte.
 
»Kommissar Worschtfett« scheint ein waschechter Mittelhesse zu sein. Gibt es Vorbilder?
Weller: Für mich geht die Entwicklung der Handlung ganz eng Hand in Hand mit der Entwicklung, der in der Handlung auftauchenden Figuren. Für die Entwicklung meines Helden Roman Worstedt war die Ausgangsposition, dass er hinter seinem Rücken »Worschtfett« genannt werden und sein Handwerk als Polizist beherrschen sollte. Dafür gab es kein Vorbild. Alle anderen Eigenschaften oder persönlichen Hintergründe kann man so oder so ähnlich auch bei anderen Figuren in der Kriminalliteratur ausmachen. Dabei geht es im Grunde genommen nur um gängige Muster zur Etablierung von Identifikationspotential. Bevor ich sagen könnte, ob Worstedt ein typischer Mittelhesse ist, müsste zunächst mal abgeklärt werden, was einen »waschechten Mittelhessen« überhaupt ausmacht. Dazu fällt mir im Moment nur ein Spruch ein, der vielleicht die mittelhessische Seele am trefflichsten beschreibt. Darin geht es darum, wie man mit Einladungen umgeht; und der geht so: »Ich sage den Leuten immer, kommt nach dem Kaffee, dann seid ihr zum Abendessen wieder daheim.«

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