KBV – Nachgefragt

Nach „Es gibt keine Toten“ gibt es nun das nächste Meisterwerk der Autorin Anne Kuhlmeyer, das mit Sicherheit wieder die Kritiker begeistern wird. In ihrem neuen Thriller nimmt sie den Leser mit auf eine psychologisch ausgetüftelte literarische Reise auf Schienen. 

Guten Tag Frau Kuhlmeyer. In Ihrem Buch treffen zwei zunächst völlig unterschiedliche Charaktere, Nicola und André, aufeinander. Wie wichtig sind für Sie die Gemeinsamkeiten, die sich herauskristallisieren?

Kuhlmeyer: Die beiden würden nicht miteinander reisen, wenn die Gemeinsamkeiten nicht bedeutsam wären. Zunächst ist da eine anfänglich bezweifelte Sympathie. In dem Augenblick, als sie gemeinsam dem Tod gegenüberstehen, gibt es ein einschneidendes, verbindendes Erlebnis und ihnen wird klar, dass es weitere Gemeinsamkeiten sie verbinden, die Angst z.B., die für beide zwar unterschiedliche Ursprünge hat, aber ähnliche Folgen.

Ihre Protagonisten flüchten in der Geschichte mit dem Zug von einem Ort zum Nächsten. Ist die Reiseform von Ihnen eher ein Stilmittel oder doch eher eine Metapher?

Kuhlmeyer: Beides. Im Zug können sich Leute treffen und zwar unabhängig von ihrem Status, von beruflichen und häuslichen Umständen. Die Bahn transportiert die ganze Gesellschaft, wenn man so will, wenngleich nicht klassenfrei. Und in diesem Raum, der sowohl flexibel als auch begrenzt ist, in dieser gesellschaftlichen Enklave entwickelt sich bzw. eskaliert Gewalt. In diesem Sinne hat der Zug schon metaphorischen Charakter, klar.

Haben Sie die Reise der beiden selbst auch gemacht? 

Kuhlmeyer: Nein. Ich habe viel im Netz recherchiert. Bilder von Bahnhöfen, Fahrpläne, Städte angeschaut, die Route geplant und verworfen. Es mussten bestimmte Zeiten für bestimmte Szenen überlegt werden. Ich habe mich an einige Bahnhöfe erinnert und an die Atmosphäre dort. Den Leipziger Bahnhof habe ich natürlich noch einmal besucht, den habe ich schon als Kind geliebt.

Die Figur der Nicola, geborene Didem, verkörpert gleich mehrere interessante Punkte einer Aussteigerin bei der rechten Szene. Wie wichtig ist Ihnen der Blickwinkel durch Nicola auf das Thema?

Kuhlmeyer: Immerhin IST sie Aussteigerin, kennt also das Drinnen und Draußen, dazu die Motive oder Lebenssituationen, die einen zunächst hineinbringen können in Gruppierungen, denen man vielleicht kritischer gegenüber stünde, hätte man mehr Information. Will heißen: Nicola bedeutet  Lernen und Wissen, und die Weitergabe von Information zugunsten einer humanistischeren Haltung viel. Na, und so viel bedeutet mir Nicolas Perspektive eben auch. 

Mit dem Protagonisten André haben Sie nicht nur das immer aktuelle Thema der plötzlichen Verarmung aufgegriffen, sondern auch eine spannende Ergänzung zu Nicola geschaffen. In wie fern sympathisieren Sie mit Ihnen?

Kuhlmeyer: Ich habe ja eine Weile mit Nicola und André verbracht. Sie sind mir ans Herz gewachsen, obwohl ich natürlich weder alle ihre Vorstellungen teile, noch etwa alle ihre Charakterzüge sympathisch finde.  Im Gegenteil. André ist ein ziemlich eitler Typ und Nicola einigermaßen blauäugig zuweilen. Angst kennen sie beide. Sie sind nun mal, wie sie sind und müssen ihr Leben hinkriegen, trotz der Katastrophen, die über sie hereinbrechen … Wir müssen das ja auch. 

Wie ist die Idee für die Handlung von „Night Train“ entstanden und was war Ihr Antrieb, sie zu Papier zu bringen?

Kuhlmeyer: Die Idee ist immer so ein auslösendes Moment. Viel wichtiger erscheint mir das Thema. Mit dem gehe ich einige Zeit herum, und herum, und herum … Irgendwann ergibt sich eine Situation, die eine Idee mitbringt, es umzusetzen. Das war eine ganz kurze Begegnung während er Leipziger Messe mit einem Menschen, der nach Leipzig mit dem Zug kam, um etwas Schönes zu sehen, „nur“ dafür, also heraus wollte für einen Moment aus einem weniger schönen Alltag und der eben eine Bahndcard 100 hatte und sonst nicht viel. Der Antrieb, aus der Idee einen Roman zu machen, entsteht für mich nicht aus der Idee heraus, sondern eben, weil mir ein Thema wichtig ist. In dem Falle: Armut, Suche nach einfachen Lösungen für komplexe gesellschaftliche Veränderungen, Angst als auslösendes Moment für Fehlentscheidungen. Das sind vielleicht die wichtigsten Aspekte, die den Ausschlag gaben, den Roman in Angriff zu nehmen. 

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