Im Land der schwarzen Schafe

Eine Rezension zu Ulrich Lands Roman `Michel B. verzettelt sich´ von Schriftsteller und Verleger Guntram Walter.

17. Januar 2017

Auf dem Portal ze.tt las ich neulich einen Artikel über die Fragestellung „Was Menschen interessant macht.“ Und tatsächlich geht es dabei immer wieder um ihre Geschichten, die sie erzählen. Fast egal welche – aber dann ist das Gebrochene immer auch das Interessantere. Das gilt auch für den halb-biographischen, halb fiktiven Roman, den der Schriftsteller Ulrich Land über seinen Großvater geschrieben hat. Fiktiv und schwarzes Schaf in vielerlei Hinsicht, denn Michel Becker starb 1948, 6 Jahre vor der Geburt seines Enkels. Also scheiden direkte orale Erforschungsmöglichkeiten aus. Und eine Annäherung an die Frage, wie der Großvater denn wirklich war, bedarf anderer Verfahren. Und die nutzt der Roman gut. Oder ist es mehr der Versuch einer Biografie? Oder beides. Ich finde keine direkte Antwort. Und so findet man in den Buchtext verwoben Interviews und deren Versatzstücke mit Sohn und Tochter von Michel Becker und der Verlegerin Elifriede Kern, bei der Michel Bs. Frau  zeitweise gearbeitet hat. Auch wenn diese Splitter nicht unbedingt erzählerisch zum Verlauf der Handlung beitragen, so unterbrechen sie gekonnt den ansonsten weitgehend fiktionalen Text.

 

Das ist dann ein gut zu lesendes, auch lustiges und tragisches Buch, eine schillernde Reise in die Vergangenheit, aber natürlich mit dem Blick von heute. Denn man möchte nicht in der Haut dieses Michel Beckers gesteckt haben, Schriftsteller, wie sein Enkel, der diesen Roman verfasst hat. Einiges haben die beiden dann erstaunlicherweise gemein, die Größe von Schriftbild und Buchstaben, nicht aber das Sujet des Schreibens. Michel Becker schreibt aus einer extremen, intellektuell verinnerlichten und engstirnigen Religiösität heraus, Stichwort: rheinischer Katholizismus. Er kennt sehr gut die Wirkbreite seiner Worte, die ihrerseits die Wirkung beim katholischen Klerus nicht verfehlen. Der Schriftsteller ist für sie eine Art literarischer Laienprediger für das Volk. Und tatsächlich haben die Bücher des historisch real existierenden Michael Becker recht hohe Auflagen in ihren Kreisen erreicht. Er war eine kleine Berühmtheit in marianisch rein-weißem Gewand, voll von schwülstiger Sprache. Eigentlich unlesbar, würde man heute sagen, wie verschiedene Zitate zeigen. Aber der Zweck heiligt immer die Mittel. Nicht so rein-weiß war dagegen der Lebenswandel, dem das Buch detektivisch und literarisch auf den Grund geht. Becker ging gezielt betteln. Konnte mit Geld nicht umgehen. War ein Frauenheld, der u.a. besondere Verträge mit diesen schloss, und seine Literatur vielleicht auch als Persilschein für sein „vielfältiges“ Leben gesehen hat. Möglicherweise. Da ist nicht alles überliefert, aber möglich. Das ist schriftstellerische Freiheit, die gut und an manchen Stellen auch schön selbstreflektorisch eingesetzt wird, um die Spuren vom Gestern im Heute zu sehen.

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